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Bakteriengift gegen Muskelschmerz?

Während die Wirksamkeit des Bakteriengiftes kaum größer als die des Schmerzklassikers ist, führt letzterer zu deutlich geringeren Direktkosten und wirft so das Toxin aus dem Rennen.

Myofasziale Schmerzen treten am häufigsten an einzelnen Muskeln oder Muskelgruppen vorzugsweise am oberen Rücken (Nacken, Hals, Schulter), gelegentlich auch im Bereich des Beckens auf. Der jeweilige Schmerz entspringt dabei an bestimmten Punkten der betroffenen Muskeln, sog. Triggerpunkten, und strahlt von dort aus. Obwohl es zahlreich Auslöser für dies Art Schmerzen gibt - einschließlich rheumatischer Erkrankungen - stehen akute und chronische Überbelastungen doch an erster Stelle.
Noch ist nicht klar, was genau sich bei myofaszialen Schmerzen im Körper abspielt. Manche Forscher sprechen von lokalen Durchblutungsstörungen, andere vermuten Defekte in der Feinstruktur der Muskeln. Zwar bewirken alle gängigen Therapien, darunter Schmerztabletten, Triggerpunktinjektionen und Physiotherapie, eine deutliche Schmerzsenkung. Diese hält aber meist nur kurz an.

Botulinustoxin A gegen Bupivacain

Das Naturgift Botulinustoxin A, welches von dem Bakterium Clostridium botulinum freisetzt wird könnte hier Abhilfe schaffen. Denn seine Wirkung hält relativ lange an. Es blockiert die Signalübertragung am Nerv-Muskel-Kontakt und verhindert so, dass sich die Muskeln zusammenziehen und verspannen. Zwar verwenden Augenärzte und Neurologen die Substanz seit Jahrzehnten, wobei die Besserungen häufig monatelang anhalten, bevor eine erneute Gabe notwendig wird. Ein Interesse, das Gift auch als Schmerzmittel einzusetzen, besteht jedoch erst seit kurzem. Ärzte in Edmonton, einer Provinzhauptstadt Kanadas, haben nun den therapeutischen Einsatz des Toxins bei Schmerzpatienten getestet.

Die Wissenschaftler verglichen in einer Doppelblindstudie die Wirksamkeit des lokal wirkenden Schmerzmittels Bupivacain mit dem Bakteriengift. Insgesamt 17 Patienten mit Muskelschmerzen schlossen sie in die Untersuchung ein. Die Teilnehmer erhielten Injektionen entweder mit Bupivacain oder mit dem Toxin in maximal acht Triggerpunkte.

Therapiewechsel nach Auswaschzeit

Per Telefon und E-Mail ließen die Forscher anhand von Fragebögen und Schätzskalen die Schmerzstärke in den sieben Tagen vor Therapiebeginn feststellen. Die individuellen Triggerpunkte stellten sie während der körperlichen Untersuchung fest und markierten sie auf der Haut. Bereits im Vorfeld hatten die Autoren das individuell sehr verschiedene Ansprechen der Schmerzen auf Triggerpunktinjektionen geprüft: Nur eine Schmerzsenkung von über 50% und mindestens acht Stunden lang vorhaltend stuften sie als erfolgversprechend ein.

Während der Injektionstherapie beurteilten die Probanden fortlaufend neben der aktuellen Schmerzstärke ihre Fähigkeit zu bestimmten Haltungen und Bewegungen. Nach einer Auswaschphase, während der der Organismus der Patienten den jeweils verabreichten Stoff ausgeschieden hatte, wechselten die Teilnehmer zum jeweils anderen Medikament, wobei die Injektionen an denselben Punkten erfolgten. Ein zu Hause zu absolvierendes Übungsprogramm unterstützte anhand von statischen Dehnungen beide Therapien.

Ergebnis: Toxin nur knapp vorn

Die wichtigsten Messgrößen der Forscher waren die erzielte Schmerzreduktion und der Zeitraum, nach dem die Schmerzstärke wieder den Ausgangswert erreichte. Für die Injektionen verwendeten die Ärzte durchschnittlich sechs Triggerpunkte je Patient, wobei die Punkte am häufigsten im Bereich von Nacken und Schultern lagen.
Die Autoren sind lediglich auf geringe Unterschiede zwischen Toxin und Bupivacain gestoßen: Sowohl Ausmaß und Dauer der Schmerzreduktion als auch die Muskelfunktion zeigten sich bei beiden Therapien deutlich aber ähnlich stark gebessert. Allerdings lassen die Toxinwerte eine, wenngleich statistisch nicht sichtbare größere Wirksamkeit erkennen.

Zwar lag die Menge der verwendeten Standardmedikamente, die die Patienten weiter einnehmen durften, in der Toxingruppe niedriger als in der Bupivacaingruppe, doch umgekehrt verhielt sich die weitere Begleitung, wie Arztvisiten und Diagnostik, was deren Kosten zeigen. Einige Teilnehmer beider Testgruppen hatten über ähnliche Nebenwirkungen, darunter Muskelschwäche, Taubheit und Kälte an den Gliedmaßen, Halsschmerzen und Übelkeit geklagt. Diese waren jedoch ausnahmslos bereits nach kurzer Zeit zurückgegangen, ohne dass Gegenmaßnahmen notwendig gewesen waren.

Schmerzklassiker deutlich kostengünstiger

Die Autoren betonen den großen Unterschied in der verursachten Kosten. Angesichts des unerwartet geringen Therapievorteils der Toxinbehandlung, so die Autoren, müssen deren Direktkosten von rund 540 kanad. Dollar pro Patient als zu hoch angesehen werden. Künftige Forschungen sollten vorrangig der derzeit unbekannten "richtigen" Dosierung des Toxins gelten. Die hier verabreichte Dosis könne daher ein möglicher Schwachpunkt der vorliegenden Arbeit sein.

Dazu sagt Prof. Dr. Frank Bahr, Ehrenmitglied der Deutschen Akademie für Ganzheitliche Schmerztherapie (DAGST): "Man wird abwarten müssen, ob die Anwendung des Toxins tatsächlich und ausreichend optimiert werden kann, wie es die Autoren ja vorhaben. Auch das Spektrum der Nebenwirkungen sollte weiterhin Beachtung finden. Aus ganzheitlicher Sicht rate ich allen Betroffenen, nicht ausschließlich auf Medikamente zu setzen, sondern auch andere Therapieansätze ins Auge zu fassen, wobei ich u.a. an die Akupunktur und Magnetfeldtherapien denke."



Publisher: DAGST


Quelle: Graboski CL et al: Botulinum toxin A versus bupivacaine trigger point injections for the treatment of myofascial pain syndrome: A randomised double blind crossover study. Pain 2005, article in press.


Autor: BSMO Redaktion
Stand: 22-11-2005




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