Brustschmerz
Wenn es kein Herzinfarkt ist - der Muskel-Faszien-Schmerz
Aktivierte Triggerpunkte verursachen nicht nur in Muskeln Schmerzen. Oft greift der Schmerz auf entfernte Gebiete vor. Das Muskel-Faszien-Syndrom wird daher häufig verkannt: Behandelt wird stattdessen, was der Patient nicht hat. Chronische Muskelschmerzen können jedoch tatsächlich innere Organe schädigen.
Das myofasziale Syndrom (MFS), das vielgestaltige Muskelschmerzen bestimmen, wird noch zu häufig übersehen. Die Schmerzen, Leitsymptom, sind oft sehr unspezifisch. Der anfängliche Muskelschmerz kann sowohl auf weitere Muskeln als auch auf entfernte Organe übergreifen. Orthopäden aus Erlangen haben die wichtigen Aspekte des MFS anschaulich zusammengefasst.
Dem Geschehen liegen Triggerpunkte in Skelettmuskeln zugrunde, so die Autoren, deren Aktivierung zur Fehlfunktion führt. Diese äußert sich als verminderte Dehnbarkeit und Beweglichkeit. Ausgleichende Fehlhaltungen können die Folge sein. Erstauslöser sind vor allem akute und chronische Überbelastungen. Häufig liegt der Auslöser außerhalb des Muskels, z.B. bei Nervenleiden und orthopädischen Erkrankungen. In jedem Fall entsteht eine Dysbalance im Muskel, die sich - ohne ausreichende Therapie - zum Selbstläufer entwickeln kann.
Muskelschmerzen können weit ausstrahlen
Die Erlanger Autoren betonen, zum Verständnis gehöre es, zwischen tonischen und phasischen Muskelfasern zu unterscheiden. Interessant ist, dass die Fasern unterschiedlich auf äußere Störreize reagieren: Tonische Fasern neigen zur Verkürzung, phasische zur Schwächung. Während im gesunden Muskel ein funktionelles Gleichgewicht beider Faserarten besteht, überwiegt beim MFS die tonische Seite. Existieren die Auslöser weiter, kommt es letztlich zu komplexen Änderungen von Körperhaltung und Motorik, die wiederum das Ungleichgewicht stützen. Dies, so die Forscher, sollte bei der Therapie ausreichend berücksichtigt werden.
Den Forschern zufolge lösen aktive Triggerpunkte Muskel-Faszien-Schmerzen aus, die ihrerseits in zum Teil weit entfernte Körpergebiete (sog. Referenzzonen) übertragen werden. Wie bei einer Kettenreaktion können so in der Referenzzone neue Triggerpunkte entstehen. Letztlich entsteht ein komplexes Schmerzmuster, dass zu drastischen Funktionsausfällen führen kann.
Schutzeffekt durch tägliche Muskelarbeit
Zwar tritt das MFS häufig als Rückenschmerz auf, doch zeigt es sich sehr vielgestaltig. So sind Symptome wie Spannungskopfschmerz, Ischias, Schleimbeutelentzündung und Schwindel nicht selten. Kritisch bemerken die Autoren, dass umfassende Erhebungen mit genauen Statistiken noch fehlen. Derzeit geht man von ähnlichen Zahlen bei beiden Geschlechtern aus, der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Vorrangig betroffen sind derzeit Frauen in mittlerem Alter mit vorwiegend sitzender Tätigkeit. Andererseits scheint eine starke tägliche Beanspruchung der Muskulatur einen Schutzeffekt auszuüben.
Die meisten Triggerpunkte fallen grob mit den Akupunkturpunkten zusammen. Liegen mehrere Triggerpunkte beieinander, entsteht ein tastbares Knötchen, in dessen Umgebung aus verkürzten Muskelfasern das sogenannte "gespannte Seil" entsteht, das ebenfalls getastet werden kann und auf Dehnung und Druck mit Schmerz reagiert.
Erkennungszeichen: Testschmerz
Wichtigstes Erkennungszeichen ist die Reaktion auf eine mechanische Reizung. Eine solche Provokation benötigt jedoch große klinische Erfahrung und kann sehr schmerzhaft sein. Dabei überträgt der gereizte Triggerpunkt den provozierten Schmerz in die Referenzzone. Die Übertragung des Schmerzes basiert offenbar auf Änderungen im Rückenmark, so die Autoren. Unbedingt sollte der Arzt bedenken, dass ein bereits chronisches MFS durchaus auf physischen und psychosozialen Einflüssen beruhen könnte, wie es von anderen chronischen Schmerzsyndromen bekannt ist. Die Diagnose stützt sich auf die Befragung, Untersuchung (Abtasten) und einige technische Verfahren, ist jedoch stets eine Ausschlussdiagnose.
Je nach Schmerzort stellt sich das MFS häufig als Brustenge (großer Brustmuskel), Wurmfortsatzentzündung (gerader Bauchmuskel), Migräne (Nacken- und Kaumuskeln, Kopfwender) und Bauchschmerz (Bauchmuskeln) dar. Triggerpunkte können organische Erkrankungen auslösen, umgekehrt können organische Störungen Triggerpunkte aktivieren. Persistierende Trigger können so auch nach Ausheilung der ursprünglichen Erkrankung organische Symptome nachahmen (Trigger im Brustmuskel - Herzschmerzen).
Aktives Training auch zu Hause
Therapieziele sind Entspannung, Durchblutungssteigerung und Fasergleichgewicht. Geeignete Maßnahmen bestehen je nach Patient zum Beispiel aus Dehnungs- und Kräftigungsübungen, Einspritzung von Medikamenten, Akupunktur und Akupressur, Massage, Elektrotherapie, Ultraschall, Laser, Biofeedback und Magnetstimulation. Ein aktives Trainingsprogramm - auch zu Hause anzuwenden - ist unverzichtbar. Lässt sich auf Medikamente nicht verzichten, stehen Muskelweichmacher, Antirheumatika, Antidepressiva und Opiate zur Verfügung.
Dem stimmt Prof. Dr. Frank Bahr, Ehrenmitglied der Deutschen Akademie für Ganzheitliche Schmerztherapie (DAGST) zu: "Das Verkennen myofaszialer Schmerzen wird in vielen Fällen zu einer teuren Sache, die letztlich dem Betroffenen nichts bringt. Schmerzpatienten sollten daher für ganzheitliche Therapieansätze offen sein, die die Gesamtsituation des Betroffenen ausreichend berücksichtigen, statt vorrangig das Symptom zu behandeln."
Publisher: DAGST
Quelle: Forst R, Ingenhorst A: Das myofasziale Syndrom. Internist 2005(46):1207-17.





