Mann mit Schmerzen

Schmerzentstehung

Schmerz effektiv und schnell behandeln

Bei der Chronifizierung von Schmerzen spielen viele Faktoren eine Rolle. Daher erfordern sie individuelle Therapiekonzepte nach dem Baukastenprinzip, die weit über die Gabe von Medikamenten hinausgehen. Die effektive und schnelle Behandlung akuter Schmerzen hat eine zentrale Bedeutung, weil sich der Schmerz ansonsten verselbstständigen kann.

Sie fühlen sich zwar ähnlich an, aber es gibt große Unterschiede zwischen akuten und chronischen Schmerzen. Die akuten Schmerzen treten beispielsweise auf Grund einer Verletzung, einer Operation oder einer Nervenschädigung auf und stellen ein wichtiges Warnsignal für den Körper dar: Es ist etwas schlimmes passiert und der Körper soll sich schonen.

Von chronischem Schmerz reden Ärzte hingegen, wenn dieser mindestens drei bis sechs Monate besteht und den Patienten körperlich (Mobilität, Beweglichkeit), psychisch-kognitiv (Stimmungen, Denken) und sozial (Beruf, Beziehungen) beeinträchtigt. Er kann sowohl aus einem akuten Schmerz, aber auch aus einer chronischen Erkrankung (z.B. Rheuma, Krebs) resultieren und hat seine Warnfunktion verloren: Der chronische Schmerz belastet den Organismus nur noch.

Akute Schmerzen fördern die Schonung

Die biologischen Ursachen, die dem akuten Schmerz, aber auch seiner Chronifizierung zu Grunde liegen, sind inzwischen dank großer Fortschritte in der Grundlagenforschung gut bekannt. In all unseren Geweben und Organen befinden sich Schmerzfühler (Nozizeptoren), die normalerweise inaktiv sind, aber auf Verletzungen, Druck, Hitze oder chemische Reize reagieren. Als dünne, weit verzweigte Endigungen von langen Nervenzellen leiten sie ihre warnenden Impulse bis hin zum Rückenmark.

Hier werden die Impulse auf andere Nervenzellen umgeschaltet. So gelangen sie ins Gehirn und damit ins Bewusstsein. Generell gilt: Je stärker der Reiz, desto mehr Nozizeptoren werden gereizt, desto größer der Schmerz. Der Körper reagiert auf die Impulse vielfältig. Der Blutdruck steigt und Hormone werden ausgeschüttet. Außerdem schickt das Gehirn seinerseits Signale ins Rückenmark zurück, um die Schmerzen zu dämpfen - es aktiviert das körpereigene Opiat-System, die Endorphine.

All dies ermöglicht beispielsweise in Gefahrensituationen trotz Verletzungen die Flucht. Nach einiger Zeit lässt die körpereigene Schmerzkontrolle allerdings nach, der akute Schmerz fordert den Körper auf, sich zu schonen.

Dauerhafte Schmerzen brennen sich ein

Halten diese Schmerzreize über längere Zeit an, beispielsweise weil die ursächliche Erkrankung nicht heilt oder der Schmerz nicht rechtzeitig und ausreichend behandelt wurde, stellt sich der Körper auf fatale Weise hierauf ein: Es kommt auf molekularer Ebene in allen Bereichen des Schmerzsystems zu sehr komplexen Veränderungen, die letztendlich dazu führen, dass ein Schmerzgedächtnis und eine Überempfindlichkeit entsteht. Dieser Prozess kann so weit gehen, dass sich der Schmerz völlig verselbstständigt und bestehen bleibt, selbst wenn die eigentliche Ursache verschwunden ist.

Bei der Chronifizierung spielen viele Faktoren eine Rolle

Neben diesen physiologischen Vorgängen spielen bei dem Chronifizierungsprozess jedoch auch genetische, psychische, somatische, soziale und so genannte iatrogene Faktoren eine Rolle.

Die genetische Veranlagung hat beispielsweise einen Einfluss darauf, wie ausgeprägt die körpereigene Schmerzhemmung ist. Außerdem verzahnt das Gehirn durch komplexe Reaktionen den Schmerzimpuls der Nerven mit individuellen Gefühlen, Einstellungen, Erfahrungen, Vorstellungen und Denkweisen. Dementsprechend ist das Risiko einer Chronifizierung von Schmerzen beispielsweise größer, wenn Menschen auf ihn mit Depressivität und Hilflosigkeit reagieren bzw. aus Angst schmerzhafte Bewegungen unterlassen.

Ein typischer somatischer Risikofaktoren war darüber hinaus früher die körperliche Schwerstarbeit. Heute hingegen wirkt sich häufiger die ständige Unterforderung von Muskeln und Knochen durch eine bewegungsarme Lebensweise negativ aus.

Zu den sozialen Faktoren gehört beispielsweise sozialer Stress. Aber auch eine positiv empfundene, vermehrte Zuwendung durch Familienmitglieder kann dazu beitragen, dass die Ursache dieser Aufmerksamkeit - die Schmerzen - bestehen bleibt. Bei den iatrogenen Faktoren handelt es sich schließlich um falsche Empfehlungen von Ärzten: Wenn diese zum Beispiel unangemessene Operationen durchführen, Schmerzen nur unzureichend kontrollieren, den Patienten dauerhaft zur Bettruhe und schonendem Verhalten auffordern oder bei ihm eine passive Rolle im Genesungsprozess unterstützen.

Vom Rücken- bis zum Kopfschmerz: Chronifizierung ist oft die Ursache

Prof. Dr. med. Manfred Zimmermann vom Neuroscience and Pain Research Institute in Heidelberg nennt folgende Schmerzsyndrome, für die eine derartige multifaktorielle Chronifizierung als Ursache inzwischen bekannt ist: Rückenschmerzen, Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz) und Kopfschmerzen. Beim Kopfschmerz lassen sich nach seinen Angaben sogar bereits im Kindesalter entscheidende Schritte einleiten, die zu einer Vermeidung der Chronifizierung beitragen können.

Mit multimodalen Therapiekonzepten lassen sich chronische Schmerzen vermeiden

Da bei der Chronifizierung der Schmerzen so viele Faktoren eine Rolle spielen, müssen nach heutiger Erkenntnis auch bei ihrer Behandlung sehr unterschiedliche, auf die Erkrankung und den Patienten abgestimmte Methoden zum Einsatz kommen (multimodale Therapiekonzepte). Hierzu gehören neben einer angemessenen Schmerztherapie mit Nicht-Opioiden und/oder Opioden auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Akupunktur, TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation), Biofeedback, Hypnotherapie, Psychotherapie, progressive Muskel-Relaxation und Krankengymnastik.


Quelle: www.schmerzliga.de

Zimmermann M: Der Chronische Schmerz - Epidemiologie und Versorgung in Deutschland. Orthopäde 2004;33:508-14.

www.schmerz-arzt.de
Autor: bsmo Redaktion
Stand: 15-06-2004




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